Sicherheit – Risiko – Unsicherheit

Autor: Christoph Steinemann

Es gibt zwei Arten von Chirurgen, die keine Fehler machen. Die, die nicht operieren und die, die ihre Fehler nicht zugeben.

(Prof. P. Regazzoni anlässlich der Schaffung des ersten anonymen Fehlermeldesystems an einem Schweizer Spital)

Für unsere Zwecke erweitere ich die Aussage ein wenig:

Es gibt drei Arten von Bergsteigern, die keine Fehler machen. Die, die vom Bergsteigen nur reden, die, die nicht zu ihren Fehlern stehen und diejenigen, denen es an jeglicher Selbstwahrnehmung fehlt.

Dass hier ausschließlich die männliche Form von Bergsteiger verwendet wird, ist durchaus beabsichtigt.


Inhalt


Worum geht’s?

Beschränken wir das Thema Sicherheit auf den Bergsport, dann können wir in etwa folgendes formulieren:

Sicherheit bedeutet erstens lebend und zweitens weitgehend unverletzt von der Tour nach Hause zurückzukehren.

(Für das Lenken von Motorfahrzeugen gilt wohl mehr oder weniger dasselbe. Sprechen wir aber von möglichen Konsequenzen von Schadsoftware in der IT, so sieht eine Annäherung an den Begriff «Sicherheit» ganz anders aus.)

Das Problem

Wir haben im Bergsport ein großes Problem. Es passieren sehr wenige Unfälle (mit schwerwiegenden Konsequenzen). Obwohl wir dauernd Fehler machen, wirken sich diese selten so aus, dass direkt Unfälle daraus resultieren, da diese (häufigen) Fehler erst dann Konsequenzen haben, wenn sie mit weiteren (sehr viel selteneren) Ereignissen zusammentreffen. Dabei tappen wir in eine spezifische kognitive bzw. psychologische Falle: Solange sich Fehler nicht auswirken, nehmen wir sie selten wahr und sind überzeugt davon keine zu machen. Schlimmer noch. Je länger wir bestimmte Methoden und Verhaltensweisen (die völlig falsch sein können!) “anwenden”, ohne dass sie schwerwiegende Konsequenzen haben, umso mehr sind wir davon überzeugt, alles richtig zu machen.

Individualpsychologisch interpretiert kann man Kahnemans Untersuchungen zu den Denksystemen und systematischen Denkfehlern (s.u.) auch als Teufelskreis deuten: Je weniger Fehler jemand bei sich wahrnimmt, umso mehr glaubt er keine zu machen (Allmachtsillusion). Je stärker jemand glaubt keine Fehler zu machen, um so unkritischer ist er sich selbst gegenüber. Je unkritischer jemand mit sich selbst ist, um so weniger Fehler nimmt er bei sich wahr.

Ein weiteres Problem liegt bei der Beurteilung von statistischen Werten bzw. Wahrscheinlichkeiten. Spontan haben die allermeisten Leute extrem schlechte «Intuitionen», wenn es um Wahrscheinlichkeiten geht (man gebe sich keinen Illusionen hin. Das trifft selbst auf Mathematiker und Experten der Wahrscheinlichkeitstheorie zu! Vgl. dazu bspw. das Ziegenproblem oder das Gefangenenparadoxon). Auf die Situation oben bezogen: Die Wahrscheinlichkeit eines unangekündigten, unkontrollierten Sturzes ist auch beim Sportklettern sehr klein (viel häufiger setzen wir uns einfach nur ins Seil, weil wir uns nicht mehr getrauen, oder merken, dass wir nächstens aus der Route fliegen werden und künden unseren Sturz an). Echte Herausforderungen beim Sichern sind aber nur die unangekündigten Stürze. Wer glaubt Erfahrung im Halten von Stürzen zu haben, weil er / sie regelmäßig «Absitzer» oder auch angekündigte Stürze hält, irrt massiv! (vgl. Kletterhallenstudie IV/1 und Kletterhallenstudie IV/2)

Beim Sichern machen wir aber sehr häufig Fehler, die im Falle eines unangekündigten Sturzes mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen würden, dass die Sicherung versagt. Von den Leuten, die immerhin anerkennen, dass Sicherungsfehler gemacht werden, wird nun oft argumentiert, dass diese Fehler nicht groß ins Gewicht fallen, da sie ja eben selten Konsequenzen haben.

Tatsächlich sichern wir aber (fast) ausschließlich für den Fall eines unangekündigten Sturzes. Droht unsere Sicherung genau dann (mit hoher Wahrscheinlichkeit) zu versagen, dann können wir das Sichern gleich bleiben lassen.

(Oder wie es Dieter Stopper hier beschreibt: Vorstiegssichern muss allerdings zweifellos auch für unangekündigtes Stürzen zuverlässig funktionieren. Wer will das bestreiten? Sonst müssten wir ehrlich kommunizieren, dass die Kletterer bei unangekündigten Stürzen de facto „free solo“ unterwegs sind. Nach dem Motto: „Viele Sportkletterer sind sehr häufig free solo unterwegs. Sie wissen es nur (noch) nicht!“)

Das heißt?

Was können wir unternehmen, um Sicherheit im Bergsport zu gewährleisten oder um wenigstens das Sicherheitsniveau zu erhöhen? Es zeigt sich, dass die Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen in erster Linie ein psychologisches Problem, beziehungsweise ein Problem der Wahrnehmung ist.

Daniel Kahneman beschreibt das so:

Die Frage, die am häufigsten in Bezug auf kognitive Täuschungen gestellt wird, lautet: Kann man sie überwinden? Die Botschaft [...] ist nicht ermutigend. Da System 1 [Intuition, Vorwissen, u.ä.] automatisch operiert und nicht willentlich abgestellt werden kann, lassen sich intuitive Denkfehler oftmals nur schwer verhindern. Kognitive Verzerrungen lassen sich nicht immer vermeiden, weil System 2 [Rationales Denken] vielleicht nichts von dem Fehler ahnt. Selbst wenn Hinweise auf wahrscheinliche Fehler vorliegen, lassen sich diese nur durch gesteigerte Überwachung und mühsame Aktivierung von System 2 verhüten. [...] Wir können bestenfalls einen Kompromiss erreichen: lernen, Situationen zu erkennen, in denen Fehler wahrscheinlich sind und uns stärker darum bemühen, weitreichende Fehler zu vermeiden, wenn viel auf dem Spiel steht. [1]

Für diese Bemühungen fehleranfällige Situationen zu erkennen, gelten

[...] zwei wichtige Tatsachen über mentale Prozesse: Wir können gegenüber dem Offensichtlichen blind sein, und wir sind darüber hinaus blind für unsere Blindheit. [2]

Oder nach Daniel Dennett:

Eine der überraschenden Entdeckungen der modernen Psychologie ist, wie leicht es ist, von der eigenen Unwissenheit nichts zu wissen. [3]

Klar ist, dass es uns leichter fällt die Fehler anderer zu erkennen als die eigenen. Man sollte aber lernen in Situationen, die bekanntermaßen fehlerträchtig sind, die Aufmerksamkeit zu erhöhen, die Selbstwahrnehmung zu schärfen und von der Illusion der eigenen Unfehlbarkeit Abstand zu nehmen.

Will heißen: behauptet jemand von sich keine Fehler zu machen oder dass ihm / ihr ganz bestimmte Fehler (z.B. das Nicht-Zudrehen eines Schraubkarabiners) nie unterkommen, dann streich ihn / sie von der Liste deiner SeilpartnerInnen, wenn dir dein Leben lieb ist.

Risiko – Unsicherheit

Bis zur Ausgabe #80 (2014/4) hieß die Zeitschrift bergundsteigen im Untertitel “Zeitschrift für Risikomanagement im Bergsport”. Seither steht da “Menschen – Berge – Unsicherheit”. Was hat es mit dem Wechsel von «Risiko» zur «Unsicherheit» auf sich?

Risiko

Der Begriff «Risiko» ist in verschiedenen Fachdisziplinen durchaus unterschiedlich definiert. In der öffentlichen Diskussion – und für den Bergsport besonders adäquat – wird häufig die in den Ingenieurs- und Umweltwissenschaften gebräuchliche Definition unterstellt: Risiko ist das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß eines Ereignisses. Risiken lassen sich somit gut berechnen und vergleichen. Im Risikomanagement geht es darum die Risiken, die wir eingehen, möglichst gut zu kennen, die Risiken zu minimieren bzw. Maßnahmen zu deren Minimierung zu ergreifen und sich auch mit der individuellen Risikobereitschaft oder Risikoakzeptanz auseinanderzusetzen. Alles im Bergsport durchaus nach wie vor aktuell und sinnvoll.

Unsicherheit

Leider müssen wir uns aber eingestehen, dass die Seite Schadensausmaß im Bergsport zwar meist recht unproblematisch zu beurteilen ist (selbst AnfängerInnen fällt es i.A. leicht abzuschätzen, ob ein mögliches Ereignis mit großer Wahrscheinlichkeit tödlich oder nur mit einer mehr oder weniger schweren Verletzung enden würde). Sehr viel schlechter sieht es aber auf der Seite Eintretenswahrscheinlichkeit aus. Die kann oft nicht vernünftig abgeschätzt werden. Und auch da, wo es statistische Daten gibt, helfen sie uns im alpinistischen Alltag oft nicht weiter. Bei vielen möglichen Ereignissen kennen wir die Eintretenswahrscheinlichkeiten schlicht nicht, dürfen also im engen Sinn nicht von Risiken, sondern müssen von Unsicherheiten sprechen.

Zitierte Literatur – s. auch die Seite Links

  • [1] Daniel Kahneman: Thinking Fast and Slow (2011); deutsch: Schnelles Denken, langsames Denken (2012); S. 42
  • [2] ebenda: S. 37
  • [3] Daniel C. Dennett: Den Bann brechen; Suhrkamp tb 2016; S. 51